Vier Gänge, vier Weine: Winzersekt zum Aperitif, ein frischer Riesling zur Vorspeise, ein kräftiger Roter zum Hauptgang, ein Sauternes zum Dessert. Bekommt jeder Wein seine eigene Glasform und sitzen sechs Gäste am Tisch, sind das 24 Weingläser plus sechs Wassergläser. Für die meisten Haushalte endet die Überlegung an dieser Stelle.
Allerdings: Die Frage nach den Glasformen und die Frage nach der Zahl der Gläser hängen lockerer zusammen, als es zunächst aussieht.
Für jeden Weinstil ein eigenes Glas
Ein spezielles Glas für jede Rebsorte ist eine noch recht junge Idee. 1973 stellte Claus Josef Riedel in Orvieto die Serie „Sommeliers" vor, das erste Set, dessen Kelche nach Rebsorten ausgelegt waren. Riedel hatte in langen Versuchsreihen gezeigt, dass Volumen, Durchmesser und Öffnung die Wahrnehmung von Duft, Geschmack und Abgang verändern. Daraus ist das Sortiment entstanden, das wir heute kennen.
| Glastyp | Was die Form bewirkt | Passt zu |
|---|---|---|
| Bordeauxglas | Hoher, gerader Kamin puffert Alkoholdämpfe ab. Der Wein fließt tiefer in den Mund, die Frucht tritt vor, die Gerbstoffe wirken weicher. | Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, kräftige Cuvées |
| Burgunderglas | Sehr bauchiger Kelch mit maximaler Oberfläche. Feine Tertiäraromen wie Waldboden oder Trüffel bekommen Luft und werden oben gebündelt. | Spätburgunder, Pinot Noir, Nebbiolo, Chardonnay aus dem Holzfass |
| Weißweinglas | Kleineres Volumen, schlanke Tulpe, enge Öffnung. Der Wein bleibt länger kühl, florale und zitrische Noten stehen im Vordergrund. | Riesling, Sauvignon Blanc, Grauburgunder, kräftiger Rosé |
| Schaumweintulpe | Leicht bauchig mit Moussierpunkt am Boden. Hefearomen bekommen Raum, die Kohlensäure perlt gleichmäßig auf. | Champagner, Winzersekt, Crémant, Franciacorta |
| Dessertweinglas | Sehr kleines Volumen. Der Alkohol gespriteter Weine steigt nicht so konzentriert auf, die schweren Karamell- und Honignoten bleiben lesbar. | Sauternes, Port, Sherry, Eiswein, Tokajer |
Zwei Sonderfälle: Schaumwein und Dessertwein
Die Sektflöte hat ausgedient
Guter Champagner, Winzersekt und Crémant sind Weine mit langer Hefelagerung. Die Noten von Brioche, Nuss und frischem Brot, die dabei entstehen, brauchen Volumen im Glas. Eine schmale Flöte schnürt sie ab und lässt vor allem Säure und Kohlensäure übrig. Gault Millau rät deshalb zu leicht bauchigen Tulpen oder schlanken Weißweingläsern.
Beim Süßwein zählt jeder Milliliter weniger
Portwein, Sherry, Sauternes und Eiswein kommen mit hohem Zucker- und oft hohem Alkoholgehalt ins Glas. 80 bis 140 Milliliter Volumen reichen dafür aus. Ein großer Kelch treibt die Alkoholdämpfe so stark in den Kopfraum, dass die nussigen Töne eines Tawny oder die salzig-hefigen eines Fino darunter verschwinden. Eine kurze Tulpenform hat sich dafür durchgesetzt. Die Schlucke fallen bei diesen Weinen ohnehin kleiner aus.